...die Gruppe Poesie:

Wir nennen die Dichtkunst, insbesondere die Versdichtung, Poesie - und auch die Verzauberung, die eine Landschaft, eine Abendstimmung oder ein besonderer Augenblick auslösen können.

 

Man sagt, uns ginge Poesie mehr und mehr verloren. Halten wir in der heutigen Zeit nichts mehr von "flüchtigem Zauber"? Schlagen wir uns lieber auf "die sichere, kalkulierbare Seite"?

 

Und doch ist sie da, die Poesie. Sie erwartet uns überall, wir könnten ihr täglich begegnen, versuchen, sie zu ergründen und würden, wie so viele vor uns, auf jede Frage eine neue Frage oder eine weitere unzulängliche Antwort finden.

 

Zugegeben, das ist anstrengend. Die Poesie macht es uns nicht leicht. Sie lässt sich nicht einfach im Vorbeigehen in die Tasche stecken und abends in der Mikrowelle aufwärmen. Wir müssen uns schon zu ihr ins Gras hinabbeugen und "hallo" sagen, ihr Raum geben in uns, ihr nachschauen, wenn sie wenig später himmelwärts davonfliegt oder mit einem atemberaubenden Hüftschwung um die nächste Ecke verschwindet.

 

Vielleicht ist Poesie ja die verwunschene Zwillingsschwester der Liebe! Und jeder von uns könnte der Prinz sein, den sie wach küsst, wenn er nur dies Quäntchen Mut besäße, ihr in ein blühendes Rapsfeld zu folgen! Sie würde ihn sicher auslachen, wenn er dann begänne die Rapsblüten zu zählen. 30 Blüten je Rispe, 10 Rispen je Pflanze und das Feld wogend gelb bis zum Horizont. Doch unmittelbar nach diesem Lachen würde sie ihn durch einen einzigen Blick, all das verstehen lehren, was er bisher nie begreifen konnte, würde ihn in den Arm nehmen und hineinblühen mit ihm in dies Feld ohne Zahl mit seinem maßlosen Zwischenraum - Rapsduft bis unter die Haut auf Augenhöhe. Und später dann, auf dem Nachhauseweg, würde er sich nicht den Blütenstaub von Hemd und Hose klopfen, und er würde dem Pflasterstein zunicken, auf dem sie stand, als er Poesie erstmals erahnte.

 

Jemand, der Angst hat, einen anderen zu berühren, sich berühren zu lassen, berührt zu sein, mag Poesie anzweifeln, sie mit einem coolen Achselzucken zum Kitsch werfen und sie heimlich ersehnen, denn es gibt Tage, da ahnt er, was er nicht weiß.

 

Poesie ist alles, was uns menschlicher macht und was uns als Menschen zu tun gibt. Sie ist Haut und Häutung, Einklang und Frucht, Verwandlung, Ohnmacht, manchmal auch Flucht, ein imaginäres Geländer vielleicht, ein rettendes Wort und sie ist - unwiderlegbar.